Als um 4.30 Uhr der Wecker klingelt, bin ich schon wach. Schwer zu sagen, ob vor Aufregung oder dem Geräusch des Sturms, der draußen wütet und das angekippte Fenster in unserem Zimmer mit einem Knall zugeschlagen hat.
Wir haben die Nacht mit unserer Gruppe in einem 6-Bett-Zimmer auf dem Defreggerhaus in den Hohen Tauern verbracht. Die gemütliche Hütte auf 2962 Metern ist unser Ausgangspunkt für die Besteigung des Großvenedigers, auf die wir seit ein paar Tagen hinfiebern. Ob das Wetter mitspielt, ist offen. Die ganze Nacht hat es gewittert und die Wettervorhersagen der letzten Tage haben selten gestimmt. Wir müssen abwarten, wie unser Bergführer die Lage einschätzt.
Seit fünf Tagen sind wir in den Hohen Tauern in Osttirol. Wir absolvieren ein Hochtourentraining und sind in einer 6er-Gruppe mit unserem Bergführer Gernot unterwegs. Vier Nächte waren wir auf der idyllisch gelegenen Johannishütte auf 2121 Metern. Wir haben die 3164 Meter hohe Kreuzspitze und noch vier weitere 3000er bestiegen, sind also bestens akklimatisiert und eingelaufen.

Mit dem Venedigertaxi vom Parkplatz Wiesenkreuz bis fast auf die Johannishütte
Die Johannishütte erreicht man von Hinterbichl in drei Stunden zu Fuß. Allerdings sieht der serpentinenreiche breite Fahrweg nicht wirklich spannend aus.
Unsere Variante gefällt mir gut: Wir fahren mit den Autos zum Parkplatz Wiesenkreuz im Dorfertal auf 1484 Meter (15 Euro Parkgebühr pro Woche). Kurz drauf kommt das Venedigertaxi, ein Mercedes-Allrad-Sprinter.

Es lädt uns, unsere Rucksäcke und die Beitaschen ein und so holpern wir entspannt auf eine Höhe von 1890 Meter. Von hier aus geht’s für uns zu Fuß weiter, die Beitaschen werden mit dem Taxi auf die Hütte gebracht.
Vorbei am Gumbachkreuz auf 1991 Metern erreichen wir abwechselnd über Fahrweg und Steig nach 1,15 Stunden und 220 Höhenmetern die Johannishütte.

Die Lage der im Jahr 1858 gebauten Hütte ist einmalig. Links und rechts ziehen steile Bergflanken hinauf, im Hintergrund erhebt sich mächtig der Großvenediger. Die Wiesen sind blumenreich und sogar Murmeltiere tummeln sich unweit der Hütte.

Auf einem schönen Steig von der Johannishütte zum Defreggerhaus
Sofern es Wetter und Kondition zulassen, kann man den Großvenediger an einem Tag ab der Johannishütte besteigen. Knapp 1600 Höhenmeter sind es von hier aus zum Gipfel. Wir werden noch eine Eisausbildung machen, daher ist eine Zwischenübernachtung auf dem Defreggerhaus geplant.

Der Steig startet unmittelbar hinter der Johannishütte. Über eine Metallbrücke überqueren wir den tosenden Bach. Die Gehzeit ist mit drei Stunden angegeben.

Zügig geht es nach oben. Kühe grasen auf den Wiesen und immer wieder tauchen Murmeltiere auf. In einigen Mulden wächst Wollgras.
An einem kleinen See machen wir Pause. Es ist nun nicht mehr weit bis zum Defreggerhaus auf 2962 Metern.

Die Vegetation wird spärlicher. Über Steinplatten und Geröll aber immer auf deutlich erkennbarem Steig legen wir die letzten steilen Höhenmeter zur Hütte zurück und kommen dort um 11 Uhr an.

Wir beziehen unser Zimmer, machen eine längere Mittagspause und starten zur Eisausbildung. Für uns ist es das erste Mal, dass wir in einer Gruppe am Seil gehen werden. Der Blick hinunter auf den riesigen Gletscher ist beeindruckend und doch wird es noch deutlich spannender, als wir ihn dann endlich betreten.

Über einen Klettersteig hinunter, dann werden die Steigeisen angelegt. Eine große Querung wartet auf uns. Da der Gletscher hier schneebedeckt ist, gehen wir am Seil. Durch den Schnee sind die Gletscherspalten nicht zu sehen und es besteht die Gefahr, einzubrechen.

Auf dem aperen Gletscher angekommen, lösen wir die Seilsicherung und dürfen uns frei bewegen. Da man die Spalten jetzt sieht, kann man ihnen ausweichen. Die Ausmaße der Gletscherspalten sind gigantisch.

Wir erreichen eine sogenannte Gletschermühle. Die Geräusche des Schmelzwassers einige Meter unter uns sorgen für ein mulmiges Gefühl. „Wer hier hineinfällt, ist tot. Da hat man keine Chance, mehr herauszukommen“, erfahren wir von Gernot.

Das Eistraining (u.a. Steigeisengehen, Verwendung Eispickel, Überwinden von Gletscherspalten, Eisschrauben eindrehen) ist leerreich und macht Spaß, die Stunden verfliegen viel zu schnell.

Für den morgen anstehenden Gipfeltag sind wir optimal vorbereitet. Doch nun erstmal zurück zum Defreggerhaus. Jeder hofft auf etwas Schlaf in der folgenden kurzen Nacht.

Gipfeltag! Vom Defreggerhaus auf den Großvenediger
5 Uhr treffen wir uns zum Frühstück in der gemütlichen Gaststube. Gernot und zwei andere Bergführer, die gerade mit ihren Gruppen hier sind, haben sich abgestimmt, dass man eine Besteigung wagen kann. Leider sei die Wettervorhersage immer noch sehr unklar…
Auch der Hüttenwirt spielt mit und hat das Frühstück für uns schon um 5 Uhr hergerichtet. Es gibt selbstgebackenes Brot, Bergkäse, Hummus, Marmelade, Kaffee und Müsli. Was will man mehr.

Um 5.35 Uhr geht es los. Es ist windstill, der Himmel leicht gerötet. Morgenrot sieht toll aus, bedeutet aber leider meist, dass schlechtes Wetter aufzieht, erklärt Gernot. Abendrot sei besser. Schon wieder haben wir etwas gelernt.
Bis zum Gletscher dauert es etwa 45 Minuten. Steil zieht der Weg gleich hinter dem Defreggerhaus an. Auf einer Anhöhe steht eine Materialkiste der Bergwacht und ein Wegweiser zum Großvenediger. Wir befinden uns am Mullwitz Aderl, dem oberen Einstieg. Es wird ausdrücklich erneut vor der Gefahr der Spalten gewarnt und empfohlen, mit einem Bergführer zu gehen.

Wir legen den Gurt an, setzen die Helme auf und klettern über einen nassen und stellenweise rutschigen Steig hinab zum Gletscher.

Jetzt geht’s ans Seil – ab hier gilt: Alle oder keiner. Ohne große Mühen passieren wir das erste große Schneefeld und in der Folge einen aperen Abschnitt des Gletschers, vorbei an einigen großen Spalten.

Mit jedem Höhenmeter nimmt die Bewölkung zu, irgendwann laufen wir komplett im Nebel. Wir drehen nach rechts ab und der Weg wird deutlich steiler. Regen setzt ein und einige von uns ziehen sich die Regenhose an.
Glücklicherweise hört es schon bald auf zu regnen und der Himmel wird heller. Ich hege die leise Hoffnung, dass es so sein könnte, wie manchmal bei uns in den Bayerischen Alpen, wenn es im Tal dichte Wolken und auf dem Gipfel Sonnenschein hat. Leider passiert das nicht.
Dafür kommt jetzt Wind auf und die Böen sind ab und an so stark, dass man Mühe hat, die Spur zu halten. Wir befinden uns am letzten steilen Aufstieg. Auch die beiden anderen Gruppen sind unterwegs, mal ist die eine vorne, mal die andere.

Dann sehe ich aus dem Nebel das Gipfelkreuz aufblitzen und kann es kaum glauben.
Erreichen wir trotz des Wetters tatsächlich den Gipfel?
Mit dem schmalen Gipfelgrat wartet noch eine letzte Hürde auf uns. Bevor wir den passieren, nimmt Gernot uns ans kurze Seil und so gehen wir jetzt im Abstand von jeweils einem Meter über den Grat.

Der Nebel verhindert, dass wir die tatsächliche Ausgesetztheit erkennen können. Es ist wie so oft: Alles hat seine Vor- und Nachteile.
Dann ist nach wenigen Augenblicken das Gipfelkreuz erreicht. Kurz nach 9 Uhr stehen wir auf dem 3657 Meter hohen Großvenediger und sind überglücklich. Er ist der höchste Berg der Venedigergruppe in den Hohen Tauern.

Kurz reißt die Wolkendecke in Richtung Kürsingerhütte auf und wir können sogar ins Tal blicken.

Nach 15 Minuten Pause und jeder Menge Fotos geht es an den Rückweg. Der Grat muss auch jetzt wieder passiert werden. Wieder kurzes Seil: Jetzt geht Reiner vorne und Gernot am Schluss.

Der Abstieg über den bekannten Weg geht schnell. Der Schnee ist jetzt noch weicher, hin- und wieder sinke ich stark ein, dennoch hält sich die Anstrengung in Grenzen.
Und plötzlich reißt die Wolkendecke auf. Vor uns zeigt sich das 3559 Meter hohe und sehr markante Rainerhorn. Er ist der zweithöchste Berg in der Venedigergruppe.

Vorbei an der akustischen Nebelstange, die 2010 errichtet wurde, erreichen wir erneut das Rainertörl auf 3421 Metern.

Nochmal steil hinab, dann drehen wir nach links ab.

In nun wieder etwas flacherem Gelände geht es zurück an den Rand des Gletschers.

Wir behalten die Steigeisen an und klettern damit hinauf zum Mullwitz Aderl.

Geschafft! Es heißt Durchschnaufen, Klettergurt ablegen und zufrieden zurückblicken zum Gletscher.

Auf dem Rückweg zum Defreggerhaus hören wir unbekannte Geräusche. „Ein Schneehuhn“, erklärt Gernot.
Der Frühlingsenzian reckt seine offene Blüte in die Sonne. Ein Zeichen, dass wettertechnisch das Schlimmste überstanden ist.

Vom Defreggerhaus geht es nach der Pause auf bekanntem Weg in 1,5 Stunden wieder hinunter zu Johannishütte, wo unsere Tour endet. Ein letzter Blick hinauf zum Großvenediger, der Himmel ist jetzt stellenweise sogar schon wieder blau.

Von der Johannishütte zum Defreggerhaus (2962 Meter)
Höhenmeter: 805 hoch, 6 runter
Kilometer: 4,7
Zeit gesamt (inkl. Pausen): 2,50 Stunden
„Großvenediger“: 3657 Meter
Zeit bis zum Gipfel: 3,26 Stunden
Höhenmeter: 797 hoch, 1586 runter (bis Johannishütte)
Kilometer: 12,81
Zeit gesamt (inkl. Pausen): 8,20 Stunden
Fazit: Lohnenswerte Einsteiger-Hochtour in faszinierender Landschaft
Erst 40 Jahre nach der Erstbesteigung des Großglockners, dem höchsten Berg Österreichs, wurde der Großvenediger zum ersten Mal bestiegen. Das war im Jahr 1841. Von den Erstbesteigern bekam er den Beinamen „weltalte Majestät“.
Heute ist die Besteigung vermutlich weniger abenteuerlich als damals.
Dafür ist die Hochtour auf den Großvenediger perfekt geeignet, wenn man einen leichten Einstieg ins Hochtourengehen sucht. Sie ist konditionell durchaus fordernd, aber technisch nicht schwierig. Für die letzten Meter auf dem Gipfelgrat sollte man schwindelfrei sei.
Ohne einschlägige Hochtourenerfahrung braucht man auf jeden Fall einen Bergführer. Das benötigte Equipment für den Gletscher (Gurt, Helm, Steigeisen, Seil) haben wir vor Ort bekommen. Selbst mitbringen sollte man außerdem: Warme Kleidung, Kopfbedeckung, Hardshell-Jacke (ggf. auch eine Isolationsjacke), lange Hosen, steigeisenfeste Bergschuhe, Handschuhe, Gletscherbrille, Regenkleidung und Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor.
Wenn das Wetter passt – aber auch bei Nebel wie bei uns – ist die Besteigung des Großvenedigers ein absolut einmaliges Erlebnis auf einen wunderschönen Berg.
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